„Ich möchte nicht so viel reden. Ich möchte lieber mit dem Körper arbeiten.“
Diesen Satz höre ich in meiner Praxis immer häufiger. Menschen kommen gezielt zu mir, weil sie sich eine körperorientierte Psychotherapie wünschen. Manche haben bereits längere Gesprächstherapien hinter sich. Sie haben ihre Probleme verstanden, ihre Biografie aufgearbeitet, Zusammenhänge erkannt. Und trotzdem hat sich manches nicht verändert.
Andere haben von Somatic Experiencing®, Embodiment oder der Bedeutung des Nervensystems gehört und hoffen, über den Körper endlich einen anderen Zugang zu ihren Schwierigkeiten zu finden. Manche wünschen sich sogar ein komplettes „Nervensystem-Reset“ (wird tatsächlich beworben, natürlich nicht von mir).
Das kann ich gut nachvollziehen. Schließlich arbeite ich selbst seit vielen Jahren körperorientiert und bin überzeugt davon, dass der Körper in der Psychotherapie eine wichtige Rolle spielt.
Aber manchmal sage ich dann auch: Wir werden trotzdem miteinander reden müssen.
Reden reicht nicht. Aber Spüren allein auch nicht.
Dass psychische Belastungen nicht nur im Denken stattfinden, ist inzwischen weit über die Körperpsychotherapie hinaus bekannt.
Angst zeigt sich nicht nur in beunruhigenden Gedanken, sondern auch in Herzklopfen, Enge und Anspannung. Chronischer Stress beeinflusst unsere Atmung, unsere Muskelspannung und unsere Fähigkeit, uns zu erholen. Belastende Erfahrungen können sich in körperlichen Reaktionen bemerkbar machen, auch wenn wir längst wissen, dass die ursprüngliche Gefahr vorüber ist.
Deshalb kann es ausgesprochen hilfreich sein, die Aufmerksamkeit auf das körperliche Erleben zu richten: wahrzunehmen, was gerade geschieht, kleine Veränderungen zu entdecken, neue Erfahrungen mit Anspannung und Entspannung, Nähe und Distanz, Sicherheit und Selbstwirksamkeit zu machen. Manchmal entsteht dadurch eine Veränderung, die sich durch Nachdenken allein nicht erreichen ließ oder lässt.
Doch auch die umgekehrte Vorstellung greift zu kurz: dass wir nur tief genug in den Körper hineinspüren, ausreichend regulieren oder gespeicherte Spannung lösen müssten, damit sich endlich unsere psychischen Schwierigkeiten erledigen. So einfach ist es nicht.
Die Hoffnung auf die eine geniale Übung
Manchmal habe ich den Eindruck, dass mit dem Wunsch nach körperorientierter Therapie auch eine ganz bestimmte Hoffnung verbunden ist: dass ich als Therapeutin DIE eine Übung kenne, die endlich funktioniert. Eine bestimmte Atemtechnik, eine Bewegung, eine Berührung, mit der sich das Nervensystem neu kalibrieren lässt und die Beschwerden auf Nimmerwiedersehen verschwinden.
Ich verstehe diese Hoffnung. Wer schon lange unter Angst, Anspannung, Trauma oder anderen psychischen Belastungen leidet, wünscht sich verständlicherweise Erleichterung. Und manchmal kann eine einfache körperorientierte Intervention tatsächlich erstaunlich schnell etwas verändern.
Aber: Eine hilfreiche Übung ist noch keine Psychotherapie.
Natürlich können wir lernen, uns über die Atmung zu beruhigen, unsere Körperwahrnehmung zu verbessern oder mit Anspannung anders umzugehen. Das sind wertvolle Fähigkeiten. Nur lösen sie nicht automatisch die Konflikte, Beziehungsmuster oder Lebensumstände, die zu unseren Schwierigkeiten beitragen.
Und manchmal wird die Suche nach der richtigen Technik selbst zum Problem: Wir probieren immer neue Übungen aus, beobachten ständig unseren inneren Zustand und hoffen, endlich den Schlüssel zur vollständigen Regulation gefunden zu haben. Dabei gerät leicht aus dem Blick, worum es eigentlich gehen könnte: nicht darum, unangenehme Empfindungen möglichst zuverlässig zu beseitigen, sondern darum, anders mit ihnen umgehen zu können.
Der Körper erzählt nicht die ganze Geschichte
Nehmen wir einen Menschen, der in Beziehungen immer wieder große Angst vor Zurückweisung erlebt. Vielleicht bemerkt er, wie sich sein Brustkorb zusammenzieht, sobald sein Gegenüber auf Distanz geht. Vielleicht gelingt es ihm mithilfe körperorientierter Arbeit, diese Reaktion besser wahrzunehmen, sich zu beruhigen und nicht sofort in Panik zu geraten.
Das ist viel wert.
Aber damit ist noch nicht verstanden, weshalb bestimmte Situationen so bedrohlich erlebt werden, welche Erfahrungen und Beziehungsmuster dabei eine Rolle spielen und wie sich diese Muster verändern lassen. Dafür brauchen wir auch das Gespräch: Reflexion, neue Perspektiven und manchmal sehr konkrete Entscheidungen. Umgekehrt kann jemand all diese Zusammenhänge längst verstanden haben und dennoch körperlich reagieren, als wäre die alte Bedrohung noch gegenwärtig.
Verstehen ist nicht dasselbe wie Verändern. Aber Verändern braucht manchmal auch Verstehen.
Nicht jede Körperempfindung muss bearbeitet werden
Nicht jede Anspannung, jedes Zittern und jede unangenehme Körperempfindung ist Ausdruck eines ungelösten Traumas. Und nicht jede körperliche Reaktion muss aufgelöst, entladen oder zu Ende geführt werden.
Manchmal ist es hilfreicher, eine Empfindung einfach wahrzunehmen, ohne etwas damit machen zu müssen. Manchmal ist es sinnvoll, die Aufmerksamkeit bewusst vom Körper wegzulenken. Und manchmal hilft ein Gespräch über einen Konflikt oder eine anstehende Entscheidung weiter.
Körperorientiert zu arbeiten bedeutet für mich nicht, möglichst viel Zeit mit Körperübungen zu verbringen, sondern den Körper als eine wichtige Ebene des Erlebens einzubeziehen – ohne ihn zur alleinigen Erklärung für psychische Schwierigkeiten zu machen.
Was sagt eigentlich die Forschung?
Die wissenschaftliche Forschung liefert durchaus gute Gründe, körperorientierte Verfahren in der Psychotherapie ernst zu nehmen.
Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Rosendahl und Kollegen (2021) fand positive Effekte körperpsychotherapeutischer Verfahren auf psychische Beschwerden. Auch für Somatic Experiencing® gibt es erste vielversprechende Ergebnisse, unter anderem aus einer randomisierten kontrollierten Studie zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen (Brom et al., 2017). Allerdings ist die Studienlage insgesamt noch begrenzt und teilweise heterogen. Vor allem lässt sich daraus nicht ableiten, dass körperorientierte Verfahren grundsätzlich wirksamer wären als andere psychotherapeutische Ansätze.
Interessant ist deshalb auch die Forschung zu den sogenannten allgemeinen Wirkfaktoren der Psychotherapie.
Eine große Metaanalyse von Flückiger und Kollegen (2018) zeigte beispielsweise einen robusten Zusammenhang zwischen der Qualität der therapeutischen Arbeitsbeziehung und dem Behandlungsergebnis – über unterschiedliche Therapieverfahren hinweg. Auch andere Faktoren werden als mögliche Wirkfaktoren diskutiert, etwa Erwartungen, emotionale Verarbeitung, das Verstehen eigener Erfahrungen und die Entwicklung neuer Bewältigungsmöglichkeiten.
Das bedeutet nicht, dass die eingesetzten Methoden unwichtig wären. Aber es spricht dagegen, psychotherapeutische Wirksamkeit allein auf einzelne Techniken zurückzuführen.
Was hilft diesem Menschen – in diesem Moment?
Kürzlich bin ich auf eine Fachtagung mit dem wunderbaren Titel „Klopfen und Winken reichen auch nicht!“ aufmerksam geworden. Dort geht es um die Verbindung unterschiedlicher psychotherapeutischer Zugänge – und darum, weshalb einzelne Methoden allein der Komplexität menschlichen Erlebens oft nicht gerecht werden. Diese Frage beschäftigt mich in meiner eigenen Arbeit schon lange.
Ich arbeite unter anderem mit Somatic Experiencing®, hypnosystemischen und systemischen Ansätzen sowie verschiedenen Formen der Körperwahrnehmung, Körperarbeit und Selbstregulation.
Aber ich möchte nicht, dass eine Methode vorgibt, was in einer therapeutischen Stunde geschieht.
Manchmal verbringen wir viel Zeit damit, eine körperliche Reaktion zu erkunden. Manchmal arbeiten wir mit inneren Bildern, mit Bewegungsimpulsen oder mit der Atmung. Manchmal betrachten wir Beziehungsmuster, hinterfragen Überzeugungen oder sprechen über ganz konkrete Schwierigkeiten im Alltag. Manchmal machen wir eine kleine Aufstellung.
Und häufig wechseln wir zwischen diesen Ebenen.
Entscheidend ist für mich nicht, ob wir gerade eine körperorientierte oder eine gesprächsbasierte Intervention einsetzen. Sondern ob das, was wir tun, dem Menschen hilft, sich selbst besser zu verstehen, neue Erfahrungen zu machen und mehr Handlungsspielraum zu gewinnen.
Dazu gehört auch die therapeutische Beziehung. Denn keine noch so ausgefeilte Technik ersetzt das Gefühl, gesehen, verstanden und ernst genommen zu werden.
Auch wir Therapeutinnen und Therapeuten suchen nach der perfekten Methode
Auch wir Therapeutinnen und Therapeuten sind immer wieder auf der Suche nach neuen Methoden, die noch wirksamer sein sollen als die bisherigen. Wir besuchen Fortbildungen, lernen neue Verfahren, beschäftigen uns mit immer ausgefeilteren Erklärungsmodellen des Nervensystems und hoffen vielleicht selbst manchmal, endlich den entscheidenden Schlüssel gefunden zu haben.
Ich kenne diese Suche gut. Und ich finde es wichtig, neugierig zu bleiben und die eigene Arbeit weiterzuentwickeln.
Problematisch wird es für mich dort, wo aus einer hilfreichen Perspektive ein allgemeingültiger Erklärungsansatz wird. Wenn plötzlich alles mit dem Nervensystem erklärt wird. Wenn Körperregulation als Voraussetzung für jede Veränderung gilt. Oder wenn der Eindruck entsteht, dass Reden grundsätzlich weniger wirksam sei als körperliches Erleben.
Vielleicht brauchen wir weniger Entweder-oder
Menschen sind so viel komplexer als unsere therapeutischen Modelle. Wir denken, fühlen, erinnern, handeln und erleben uns körperlich. Wir leben in Beziehungen und sozialen Zusammenhängen. Und all diese Ebenen beeinflussen sich gegenseitig.
Gute Psychotherapie sollte dieser Komplexität gerecht werden, statt sie auf eine einzelne Methode zu reduzieren.
Das bedeutet auch, dass es nicht immer die nächste Übung, die nächste Technik oder die nächste Intervention braucht. Manchmal geht es darum, etwas auszuhalten. Einen Zusammenhang zu erkennen. Ein Gefühl zuzulassen. Eine Entscheidung zu treffen. Oder eine Erfahrung zu machen, die dem bisherigen Erleben widerspricht. Und manchmal ist tatsächlich eine einfache Atemübung genau das Richtige.
Reden allein reicht manchmal nicht. Körperarbeit allein aber auch nicht.
Vielleicht liegt die eigentliche Kunst darin, unterschiedliche Zugänge miteinander zu verbinden – und gemeinsam herauszufinden, was diesem Menschen in diesem Moment weiterhilft.
Literatur und weiterführende Links
- Brom, D., Stokar, Y., Lawi, C., et al. (2017). Somatic Experiencing for Posttraumatic Stress Disorder: A Randomized Controlled Outcome Study. Journal of Traumatic Stress, 30(3), 304–312. https://doi.org/10.1002/jts.22189
- Flückiger, C., Del Re, A. C., Wampold, B. E., & Horvath, A. O. (2018). The Alliance in Adult Psychotherapy: A Meta-Analytic Synthesis. Psychotherapy, 55(4), 316–340. https://doi.org/10.1037/pst0000172
- Pusch, Anja (2026): Somatic Experiencing bei Erwachsenen mit Posttraumatischer
Belastungsstörung und traumabezogener Symptomatik. https://www.somatic-experiencing.de/wp-content/uploads/2026/08/Masterarbeit_Published-1.pdf. - Rosendahl, J., Sattel, H., & Lahmann, C. (2021). Effectiveness of Body Psychotherapy: A Systematic Review and Meta-Analysis. Frontiers in Psychiatry, 12, 701798. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2021.709798
- Fachtagung „Klopfen und Winken reichen auch nicht!“ – wilob, Luzern
