Muss man Trauma irgendwann „rauszittern“ oder „rausschütteln“ oder „rausweinen“?

„Kann man irgendwann mal alles rausgezittert haben?“

Die Frage hat mir ein Teilnehmer in einem meiner Workshops zu neurogenem Zittern gestellt. Ein anderer Klient hat mir seine Vorstellung von körperorientierter Traumatherapie so beschrieben: Man findet irgendwann eine Art Knopf oder Punkt, der wird „gedrückt“ oder aktiviert, dann passiert etwas Dramatisches – Zittern, Schütteln, Weinen – und dann ist alles gut.

Ich fand diese Fragen und Ideen damals schon interessant. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr denke ich: Sie berühren eine ziemlich grundlegende Vorstellung darüber, wie Trauma eigentlich funktioniert.

Denn in vielen körperorientierten Ansätzen begegnet uns – manchmal ausdrücklich, manchmal eher zwischen den Zeilen – die Vorstellung, dass sich etwas im Körper festsetzt, das irgendwann wieder heraus muss.

  • Stress muss raus.
  • Trauma muss raus.
  • Angestaute Energie muss raus.
  • Dann ist der Körper wieder frei.

Was aber, wenn das gar nicht das passende Modell ist?

Ein im April 2026 erschienener Beitrag von Steven Kotler, Michael Mannino, Glenn Fox und Karl Friston im Frontiers in Systems Neuroscience macht einen für mich ausgesprochen faszinierenden Vorschlag: Vielleicht geht es bei traumabezogenen Beschwerden weniger darum, dass der Körper etwas „gespeichert“ hat, als darum, dass das Gehirn gelernt hat, die Welt – und den eigenen Körper – zu eng und zu vorhersehbar auf Gefahr hin zu interpretieren.

Der Titel des Artikels bringt diese Provokation bereits auf den Punkt: „The body does not keep the score.“ Und bezieht sich dabei auf eines der wichtigsten Bücher zum Thema Traumatherapie: The Body Keeps the Score von Bessel van der Kolk.

Ich finde diesen Perspektivwechsel tatsächlich ziemlich bahnbrechend. Nicht, weil damit nun bewiesen wäre, wie Trauma „wirklich“ funktioniert. Der Artikel ist ein theoretischer Beitrag, kein empirischer Nachweis dieses Modells. Aber weil er einige Dinge zusammenbringt, die mich in meiner Arbeit schon lange beschäftigen: Körper und Wahrnehmung, die Bedeutung früherer Erfahrungen, Gegenwart, Flexibilität und die Frage, was Menschen dabei hilft, wieder mehr Handlungsspielraum zu bekommen.

Das Gehirn als Vorhersagemaschine

Die Autoren knüpfen an die Idee des sogenannten Predictive Processing an. Unser Gehirn wartet nicht einfach passiv darauf, was in der Welt passiert. Es macht fortlaufend Vorhersagen darüber, was als Nächstes passieren wird, und gleicht diese Vorhersagen mit den eintreffenden Informationen ab. Das betrifft unsere Umwelt, die Menschen um uns herum, uns selbst – und auch unseren Körper.

Ein schneller Herzschlag kann zum Beispiel ganz unterschiedlich erlebt werden: als Aufregung, Anstrengung, Freude, Angst oder Gefahr. Welche Bedeutung eine körperliche Veränderung bekommt, hängt nicht allein von der körperlichen Veränderung selbst ab, sondern auch davon, was das Gehirn aufgrund bisheriger Erfahrungen und des aktuellen Kontextes erwartet. Und genau hier sehen die Autoren einen wichtigen Mechanismus bei Trauma.
Nach traumatischen Erfahrungen können Gefahrenerwartungen sehr dominant werden. Körperliche Signale wie Herzklopfen, Enge im Brustkorb oder Anspannung werden dann leichter als Bestätigung einer bereits erwarteten Gefahr interpretiert.
Ein Kreislauf kann entstehen:

Das Gehirn erwartet Gefahr → der Körper reagiert → die körperliche Reaktion wird als Beweis für die Gefahr interpretiert → die Gefahrenerwartung wird weiter verstärkt.

Das bedeutet nicht, dass die körperlichen Symptome „nur eingebildet“ sind. Im Gegenteil. Die körperliche Erfahrung ist real. Aber sie könnte anders erklärt werden als durch die Vorstellung, dass eine traumatische Erfahrung irgendwo in Muskeln, Faszien oder Gewebe gespeichert liegt. Die Autoren formulieren es sinngemäß so: Der Körper ist am Trauma beteiligt – aber er ist nicht dessen Archiv.

Und was hat das mit Lisa Feldman Barrett zu tun?

Hier musste ich sofort an Lisa Feldman Barrett und ihr Buch Wie Gefühle entstehen denken. Ihre Arbeiten zur sogenannten Theory of Constructed Emotion beschreiben ebenfalls ein Gehirn, das nicht einfach fertige Emotionen aus einem inneren „Emotionenspeicher“ abruft. Emotionen werden demnach vom Gehirn in der jeweiligen Situation konstruiert – auf Grundlage von Körpersignalen, der Umwelt und früheren Erfahrungen. Barrett beschreibt das Gehirn als ein System, das fortlaufend Vorhersagen darüber macht, was gerade geschieht und was als Nächstes passieren könnte.

Das heißt natürlich nicht, dass Angst „nur eine Konstruktion“ wäre. Es heißt vielmehr: Körperempfindung und Bedeutung sind nicht dasselbe. Ein Herz, das schneller schlägt, ist zunächst einmal ein schneller schlagendes Herz. Ob das gerade bedeutet:

  • „Ich bin in Gefahr.“
  • „Ich bin aufgeregt.“
  • „Ich bin verliebt.“
  • „Ich habe gerade Sport gemacht.“
  • „Ich bin völlig konzentriert.“

ist eine andere Frage.

Und genau diese Unterscheidung finde ich für körperorientierte Arbeit enorm wichtig.

Aber was ist dann mit „The Body Keeps the Score“?

Damit sind wir wieder bei Bessel van der Kolk und seinem bekannten Buch The Body Keeps the Score.

Der neue Artikel setzt sich ausdrücklich mit dieser Formulierung auseinander. Die Autoren kritisieren vor allem eine mögliche wörtliche Lesart: als würde ein Trauma tatsächlich als eine Art gespeicherte Substanz, Erinnerung oder blockierte Energie im Körpergewebe liegen.
Dabei ist die Sache bei van der Kolk selbst differenzierter. Auch er beschreibt die Wechselwirkung von Gehirn, Körper, Wahrnehmung und Nervensystem und betont, dass Trauma nicht einfach ein Problem des bewussten Denkens ist.
Der neue Artikel verwirft deshalb nicht die Bedeutung des Körpers. Er schlägt vielmehr eine andere Erklärung dafür vor, wie Körper und Trauma miteinander verbunden sind. Und das ist ein wichtiger Unterschied.

Vielleicht müssen wir also gar nichts „rauszittern“

Und damit bin ich wieder bei der Frage aus meinem Workshop: Kann man irgendwann alles rausgezittert haben?

Wenn das Modell von Kotler und seinen Kollegen zutrifft, wäre vielleicht schon die Frage falsch gestellt.

Denn dann ist das Ziel nicht, eine bestimmte Menge an „gespeicherter“ traumatischer Energie loszuwerden. Das Ziel wäre vielmehr, dass das Nervensystem – also der Mensch – wieder mehr Möglichkeiten bekommt und flexibler auf Situationen in der Gegenwart reagieren kann.

  • Mehr als Anspannung oder Erstarrung.
  • Mehr als Rückzug oder Übererregung.
  • Mehr als „Gefahr“ oder „alles ist gut“.
  • Mehr Variabilität.
  • Mehr Kontextsensibilität.
  • Mehr Beweglichkeit.

Die Autoren verwenden dafür den Begriff Metastabilität: vereinfacht gesagt die Fähigkeit eines komplexen Systems, unterschiedliche Zustände einzunehmen und flexibel zwischen ihnen zu wechseln. Bei Trauma, so die Hypothese des Artikels, kann diese Beweglichkeit eingeschränkt sein. Gesundheit wäre dann nicht ein Zustand völliger Ruhe, sondern die Fähigkeit, sich zu bewegen und flexibel zu sein. Zwischen Aktivierung und Ruhe. Zwischen Nähe und Distanz. Zwischen Spannung und Entspannung. Zwischen Konzentration und Loslassen. Zwischen Rückzug und Kontakt.

Und was hat das mit Gegenwart zu tun?

Dieser Punkt ist für mich fast noch wichtiger. Wenn unser Gehirn die Gegenwart immer auch mithilfe früherer Erfahrungen vorhersagt, dann stellt sich eine spannende Frage: Wie viel von dem, was ich gerade wahrnehme, gehört tatsächlich zu dem, was jetzt passiert – und wie viel davon wird durch frühere Erfahrungen mitbestimmt?

Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Und wir müssen und können sie auch nicht aus unserem Körper herausbekommen. Aber wir können neue Informationen bekommen und Erfahrungen machen.

Und hier ist der Körper für mich einer der unmittelbarsten Wege in die Gegenwart.

Ich kann meine Füße auf dem Boden spüren. Meinen Atem. Meinen Herzschlag. Spannung. Wärme. Bewegung. Den Kontakt mit dem Stuhl. Ich kann sehen, was um mich herum ist, und hören, was gerade geschieht.

Ich bin hier.

Vielleicht schlägt mein Herz schnell – aber jetzt gerade renne ich einen Berg hinauf.

Vielleicht spüre ich Anspannung – aber mein Gegenüber ist nicht der Mensch, vor dem ich mich früher schützen musste.

Vielleicht bin ich aktiviert – und gleichzeitig passiert gerade nichts Gefährliches.

Körperwahrnehmung ist damit für mich nicht nur ein Weg, um mich zu „regulieren“. Sie kann mir Informationen darüber geben, was jetzt tatsächlich da ist.

Und manchmal muss daraus überhaupt nichts folgen. Ich kann einfach präsent sein.

Und dann kommt der Flow

Hier wird der Artikel für mich noch einmal besonders interessant. Die Autoren schlagen vor, dass sogenannte Flow-Zustände eine solche flexible Dynamik unterstützen könnten. Flow kennen viele Menschen: Man ist vollkommen in etwas vertieft. Die Aufmerksamkeit ist gebunden, die Tätigkeit fordert einen, aber sie überfordert einen nicht. Man denkt weniger über sich selbst nach und ist gleichzeitig sehr präsent. Beim Klettern. Beim Tanzen. Beim Musizieren. Beim Schwimmen. Beim Schreiben. Beim Wandern. Beim Sport. Beim Spielen. Beim Führen von Therapiegesprächen. Beim Reparieren von Autos. Beim Lösen einer kniffligen Aufgabe. Oder manchmal auch in einer Tätigkeit, die für andere völlig unspektakulär aussieht.

Entscheidend ist nicht die Tätigkeit selbst. Entscheidend ist, was sie mit diesem Menschen macht. Und dass der Mensch tun kann, was er tun will.

Das ist für mich ein besonders schöner Gedanke. Denn Flow ist individuell. Für den einen Menschen ist es das Klettern, für die andere das Klavierspielen, für jemanden anderen vielleicht Gartenarbeit, Schwimmen, Zeichnen, eine anspruchsvolle berufliche Aufgabe oder ein Spaziergang im Wald. Es geht nicht darum, die „richtige“ Flow-Aktivität zu finden.

Es geht um etwas, das in der Traumatherapie manchmal erstaunlich wenig Aufmerksamkeit bekommt: tun zu können, was man tun möchte.

Sich auf etwas einzulassen. Gefordert zu sein. Etwas zu können. Neugierig zu werden. Die eigene Aufmerksamkeit nicht ständig auf Symptome, Regulation oder die eigene Vergangenheit richten zu müssen, sondern vollkommen mit etwas beschäftigt zu sein, das gerade geschieht.

Im eigenen Leben zu sein.

Der Artikel argumentiert, dass Flow möglicherweise genau jene flexible, kontextabhängige Netzwerkdynamik unterstützt, die bei traumabezogenen Störungen eingeschränkt sein könnte. Die Autoren betonen allerdings ausdrücklich, dass dies bislang eine theoretische Brücke ist und noch nicht direkt durch etablierte Metastabilitätsmaße bei Menschen mit PTBS nachgewiesen wurde.

Das finde ich wichtig.

Denn gerade bei spannenden neurobiologischen Modellen sollten wir nicht aus einer guten Hypothese vorschnell eine gesicherte Therapieerklärung machen. Aber ich finde diese Hypothese ausgesprochen spannend.

Was bedeutet das für Körperarbeit?

Für mich verändert diese Perspektive tatsächlich etwas. Wenn ich mit Menschen körperorientiert arbeite, geht es nicht darum, einen bestimmten Zustand herzustellen. Und auch nicht darum, dass irgendwann „alles raus“ sein muss.

Es geht vielmehr darum, Wahrnehmung zu ermöglichen.

  • Zu spüren, was gerade da ist.
  • Unterschiede wahrzunehmen.
  • Eine Bewegung zu finden, die möglich ist.
  • Vielleicht Spannung zuzulassen.
  • Vielleicht Spannung zu reduzieren.
  • Vielleicht Zittern.
  • Vielleicht Ruhe.
  • Vielleicht Kraft.
  • Vielleicht Kontakt.
  • Vielleicht Abstand.

Und manchmal braucht es auch gar keine Körperarbeit. Manchmal hilft es, etwas zu verstehen. Manchmal braucht es ein Gespräch, eine Entscheidung oder eine neue Erfahrung. Der Körper ist für mich nicht die Antwort auf alles.

Aber er ist ein ausgesprochen unmittelbarer Zugang zu dem, was jetzt geschieht. Und immer wieder kann dabei die Erfahrung entstehen:

Ich kann etwas wahrnehmen, ohne davon überwältigt zu werden.

Ich kann aktiviert sein und trotzdem sicher sein.

Ich kann mich bewegen und muss nichts erzwingen.

Ich kann einfach präsent sein.

Das ist für mich ein viel interessanteres Bild von Regulation als die Vorstellung einer einmaligen „Entladung“.

Neurogenes Zittern – nicht als Müllabfuhr des Körpers

Auch neurogenes Zittern möchte ich deshalb nicht als eine Art körperliche Müllabfuhr verstehen. Zittern kann eine sehr intensive körperliche Erfahrung sein. Es kann sich erleichternd anfühlen. Es kann Aufmerksamkeit auf den Körper und in den gegenwärtigen Moment lenken. Es kann Bewegung ermöglichen, wo vorher vielleicht viel Festhalten war. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass dabei ein bestimmtes „Trauma“ aus dem Körper herausgeschüttelt wird.

Vielleicht ist die interessantere Frage: Was kann mein Nervensystem jetzt alles wieder?

Kann ich Anspannung wahrnehmen und wieder verändern? Kann ich zwischen Aktivierung und Ruhe wechseln? Kann ich mich sicher fühlen, obwohl mein Körper gerade deutlich aktiviert ist? Kann ich mich einer Erfahrung nähern und mich auch wieder entfernen? Kann ich neugierig bleiben? Kann ich spielen? Kann ich mich auf etwas einlassen? Kann ich mich verlieren – und wieder zurückfinden?

Und vielleicht noch grundsätzlicher: Kann ich das tun, was ich tun möchte?

Das sind Fragen, die mich persönlich viel mehr interessieren als die Frage, ob irgendwann „alles raus“ ist.

Heilung als Rückkehr von Bewegung

Vielleicht ist das die stärkste Idee, die ich aus diesem Artikel mitnehme: Heilung bedeutet nicht unbedingt, dass etwas verschwinden muss. Vielleicht bedeutet Heilung vielmehr, dass wieder mehr möglich wird.

Mehr Bewegung. Mehr Wahrnehmung. Mehr Wahlmöglichkeiten. Mehr Verbindung. Mehr Spielraum. Mehr Leben. Und vielleicht auch: mehr Gegenwart.

Die Autoren schreiben am Ende des Artikels sinngemäß: Heilung ist nicht die Auslöschung dessen, was geschehen ist, sondern die Rückkehr von Bewegung – im Denken, in neuronalen Netzwerken, im Handeln und im Leben. Das gefällt mir sehr. Denn ein Trauma muss nicht ungeschehen gemacht werden, und wir müssen auch nicht irgendwann an einem Punkt angekommen sein, an dem wir „fertig reguliert“ sind. Vielleicht geht es vielmehr darum, dass unser System wieder lernt:

Ich habe mehr als eine Möglichkeit.

Ich bin nicht nur das, was passiert ist.

Ich kann wahrnehmen, was jetzt ist.

Ich kann tun, was mir wichtig ist.

Und ich kann handeln.

Nicht: Was muss noch raus?

Sondern: Was ist jetzt möglich?

Quellen

Alameda, C., Sanabria, D. & Ciria, L. F. (2022). The brain in flow: a systematic review on the neural basis of the flow state. Cortex, 154, 348–364.

Barrett, L. F. (2017). How Emotions Are Made: The Secret Life of the Brain.

Kotler, S., Mannino, M., Fox, G. & Friston, K. (2026). The body does not keep the score: trauma, predictive coding, and the restoration of metastability. Frontiers in Systems Neuroscience, 20, 1812957.

Kotler, S., Mannino, M., Kelso, S. & Huskey, R. (2022). First few seconds for flow: a comprehensive proposal of the neurobiology and neurodynamics of state onset. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 143, 104956.

van der Kolk, B. A. (2014). The Body Keeps the Score: Brain, Mind, and Body in the Healing of Trauma. Viking Press.

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