„Mit mir stimmt was nicht.“

„Mit mir stimmt was nicht.“

Diesen Satz höre ich in meiner Praxis erstaunlich häufig, mittlerweile vermute ich ein Muster dahinter. Der Satz ist nicht immer der gleiche, manchmal klingt er eher wie:

„Meine Frau meint, ich müsse an mir arbeiten.“
„Sie sagt, ich könne nicht über Gefühle reden.“
„Ich bin wohl nicht empathisch genug.“
„Ich soll lernen, mich mehr zu öffnen.“
„Ich müsse doch spüren, wie es ihr geht und welche Bedürfnisse sie hat.“

Und manchmal sitzt dann ein Mann vor mir, der eigentlich gar nicht so genau weiß, warum er da ist. Außer, dass seine Frau oder Partnerin findet, dass sich etwas ändern muss, und zwar an ihm.
Natürlich kann das stimmen. Menschen können schwierig sein, ich glaube sogar, das liegt in der Natur von Menschen und vor allem Beziehungen. Wir können uns zurückziehen, Konflikten ausweichen, verletzend kommunizieren, unsere Gefühle schlecht wahrnehmen oder Verantwortung abschieben. Und meistens gibt es dafür gute Gründe. Und selbstverständlich kann Psychotherapie oder Coaching ein guter Ort sein, um sich damit auseinanderzusetzen.

Aber mich macht es hellhörig, wenn der Auftrag lautet: „Meine Frau möchte, dass ich anders werde.“ Denn dann stellt sich für mich zunächst eine ganz andere Frage und die stelle ich dann dem Klienten auch: Will dieser Mensch selbst etwas verändern?  Und wenn ja: Was?

Therapie ist keine Reparaturwerkstatt

Manchmal scheint die Vorstellung zu bestehen, man könne den Partner zur Therapie schicken wie ein Auto in die Werkstatt. Und wenn er wieder funktioniert, läuft es auch wieder rund in der Beziehung. Da stimmt was nicht. Bitte einmal Inspektion, reparieren und möglichst funktionstüchtig zurückgeben. So funktioniert Therapie nicht.

Ich bin nicht dafür da, Menschen beziehungsfähiger, emotionaler, kommunikativer oder sonst irgendwie passender für ihre Partner:innen zu machen. Und ich entscheide auch nicht, welche Seite in einem Beziehungskonflikt „recht“ hat.
Mich interessiert vielmehr: Was erlebt der Mensch, der vor mir sitzt? Wie geht es ihm oder ihr mit diesen Wünschen und Zuschreibungen?

Vielleicht sagt ein Mann tatsächlich: „Ja. Ich merke selbst, dass ich bei Konflikten sofort zumache, am liebsten gar nichts mehr rede. Ich würde gern verstehen, warum.“ Dann haben wir einen Arbeitsauftrag.

Vielleicht sagt er: „Ich würde eigentlich gerne mehr Nähe zulassen, aber irgendetwas in mir geht sofort auf Abstand.“ Auch damit können wir arbeiten.

Oder: „Ich merke, dass ich meine Frau liebe, aber sobald sie emotional wird, fühle ich mich überfordert und verschwinde innerlich oder werde total rational.“ Auch das kann ein sehr lohnender Ausgangspunkt sein.

Es kann aber auch herauskommen: „Eigentlich finde ich mich ziemlich in Ordnung. Ich möchte nur nicht ständig über alles reden.“ Auch das darf sein.

Unterschiedlich ist nicht automatisch falsch

In Paarbeziehungen begegnen sich zwei Menschen, zwei Nervensysteme, zwei Biografien, zwei Arten, Nähe herzustellen und zwei Vorstellungen davon, wie Beziehung funktionieren sollte. Der eine möchte einen Konflikt sofort besprechen. Die andere braucht erst einmal Abstand. Einer verarbeitet Erlebnisse, indem er darüber spricht. Der andere muss erst einmal selbst herausfinden, was er überhaupt empfindet. Eine wünscht sich viel emotionale Resonanz. Der andere zeigt Verbundenheit vielleicht eher dadurch, dass er etwas tut. Keine dieser Varianten ist automatisch besser oder schlechter, gesünder oder reifer.

Problematisch wird es, wenn aus einem Unterschied eine Diagnose wird: „Wenn du mich lieben würdest, würdest du anders reagieren.“ Oder: „Mit dir stimmt etwas nicht.“ Oder: „Man muss doch die Bedürfnisse des anderen spüren.“ Dann wird aus einem Beziehungskonflikt schnell ein zugeschriebenes individuelles Defizit. Und manchmal landet genau dieses vermeintliche Defizit dann bei mir in der Praxis.

Manchmal stimmt tatsächlich etwas nicht – aber anders als gedacht

Das bedeutet nicht, dass wir uns alle einfach so lassen sollten, wie wir sind. Manchmal entdecken Menschen in der Therapie Muster, unter denen sie selbst leiden und mit denen sie andere verletzen. Vielleicht hat jemand gelernt, Gefühle konsequent wegzuschieben. Vielleicht wird Rückzug zur einzigen Möglichkeit, mit Konflikten umzugehen. Vielleicht wird aus Selbstschutz emotionale Unerreichbarkeit. Vielleicht fällt es schwer, Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn auszusprechen. Dann lohnt es sich, neugierig zu werden.

Aber für mich gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen: „Meine Frau findet, ich sollte anders sein.“ und „Ich merke, dass mich etwas in meinem Leben oder meinen Beziehungen immer wieder behindert. Das möchte ich mir anschauen.“

Mit dem zweiten Satz kann Therapie beginnen.

Und manchmal gehört das Problem zwischen zwei Menschen

Wenn in einer Partnerschaft einer den anderen verändern möchte, ist Einzeltherapie nicht zwangsläufig der passende Ort. Denn möglicherweise sitzt das Problem gar nicht in einem der beiden Menschen. Vielleicht liegt es zwischen ihnen. Dann wäre die spannendere Frage nicht: „Was stimmt mit ihm nicht?“ Sondern: „Was passiert da eigentlich zwischen uns beiden?“ Wie geraten wir immer wieder in dieselbe Schleife? Was tut der eine, wenn der andere sich zurückzieht? Was passiert wiederum mit dem anderen, wenn mehr Nähe eingefordert wird? Wer verfolgt wen – und wer zieht sich daraufhin noch weiter zurück? Plötzlich sieht die Sache ganz anders aus. Aus einem vermeintlich defizitären Menschen werden zwei Menschen, die gemeinsam ein Muster herstellen, unter dem möglicherweise beide leiden.

„Mit mir stimmt was nicht.“

Wenn jemand mit diesem Gefühl zu mir kommt, interessiert mich deshalb nicht zuerst, wie wir ihn verändern können. Mich interessiert: Woher kommt eigentlich die Idee, dass mit ihm etwas nicht stimmt? Vielleicht gibt es tatsächlich etwas, das er verändern möchte. Vielleicht entdeckt er Seiten an sich, die er bisher lieber nicht angeschaut hat. Vielleicht möchte er lernen, Gefühle besser wahrzunehmen, Grenzen zu setzen, in Kontakt zu bleiben oder anders mit Konflikten umzugehen. Vielleicht stellt er aber auch fest:

Ich bin anders, als meine Partnerin mich gerne hätte. Aber deshalb bin ich nicht falsch.

Und manchmal ist genau das eine ziemlich wichtige Erkenntnis.

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