Hoffentlich ist es nicht nur reden! oder: Ich will keine intellektuelle Therapie machen

Vor kurzem sagte ein neuer Klient am Telefon zu mir: „Bitte keine intellektuelle Therapie. Ich möchte so viel wie möglich mit dem Körper arbeiten.“ Und das ist wirklich kein Einzelfall. Viele Menschen äußern diese Wünsche oder beginnen eine Psychotherapie mit gemischten Gefühlen. Sie hoffen auf Veränderung – und fragen sich gleichzeitig, ob Gespräche allein ausreichen. Manche haben bereits eine oder mehrere Gesprächstherapien erlebt und wünschen sich nun einen anderen Zugang, weil sie das Gefühl haben, an einem bestimmten Punkt nicht weiterzukommen.

Genau diese Frage hat jetzt eine aktuelle qualitative Studie untersucht. Besonders spannend fand ich dabei den Titel der Studie: Hoffentlich ist es nicht nur Reden.“

Ich musste lachen, denn genau das höre ich in meiner Praxis immer wieder – siehe oben. Nicht weil Gespräche unwichtig sind, sondern weil viele Menschen längst verstanden haben: Trauma, Stress und emotionale Belastungen zeigen sich nicht nur im Kopf. Sie zeigen sich auch im Körper. Und deshalb kann es hilfreich sein, den Körper in den therapeutischen Prozess einzubeziehen.

Was die Studie herausgefunden hat

42 Patient:innen wurden ausführlich zu ihren Therapieerfahrungen interviewt. Dabei zeigte sich:

  • Viele wünschen sich eine Therapie, die über das Gespräch hinausgeht.
  • Körperliche Erfahrungen spielen für die meisten im therapeutischen Prozess eine wichtige Rolle.
  • Etwa die Hälfte beschreibt Veränderungen als körperlich spürbar und ganzheitlich erlebt.
  • Körperliche Aspekte betreffen nicht nur einzelne Übungen, sondern auch Beziehung, Atmosphäre und Sicherheit im therapeutischen Raum.

Warum überrascht mich das nicht?

Seit vielen Jahren arbeite ich körperorientiert. Dabei geht es nicht darum, „etwas mit dem Körper zu machen“. Es geht darum, den Menschen als Ganzes wahrzunehmen. Wenn wir Angst haben, spannt sich der Körper an. Wenn wir traurig sind, verändert sich unsere Haltung. Wenn wir chronisch unter Stress stehen, bleibt unser Nervensystem oft im Alarmmodus und wir atmen völlig anders. Der Körper erzählt häufig schon lange eine Geschichte, bevor wir überhaupt Worte dafür finden.

Bedeutet das, Reden reicht nicht mehr?

Doch. Für manche Menschen und Themen sind Gespräche allein völlig ausreichend. Gespräche bleiben weiterhin ein wichtiger Bestandteil guter Psychotherapie. Aber manchmal braucht Veränderung mehr. Manchmal entsteht ein neuer Zugang erst dann, wenn Gedanken, Gefühle und Körper wieder miteinander verbunden werden. Gerade bei chronischem Stress, Traumafolgen oder psychosomatischen Beschwerden kann das den therapeutischen Prozess vertiefen. Dabei geht es nicht darum, Gespräche zu ersetzen, sondern sie sinnvoll zu ergänzen.

Mein Fazit

Ich freue mich total über Studien wie diese. Nicht weil sie etwas völlig Neues zeigen, sondern weil sie wissenschaftlich beschreiben, was viele Therapeut:innen und Patient:innen schon lange erleben: Der Körper ist kein Nebenschauplatz der Psychotherapie. Er gehört dazu.Und vielleicht ist genau das der Grund, warum immer mehr Menschen nach einer Therapie suchen, die den Menschen nicht nur im Kopf, sondern als Ganzes sieht.

Ich wünsche mir, dass wir in der Psychotherapie den Körper künftig noch selbstverständlicher miteinbeziehen. Nicht als Ersatz für Gespräche, sondern als wertvolle Ergänzung. Denn wir erleben unser Leben nicht nur mit Gedanken – wir erleben es ganzheitlich.

Literatur

Webergerber M. et al, „Hoffentlich ist es nicht nur Reden“ – Körperbezogene Erwartungen und Erfahrungen von Patient:innen in der Psychotherapie“, 2026, https://link.springer.com/article/10.1007/s00729-026-00315-8

Selvam, R., Verkörperte Gefühle, 2023, Kösel

Levine, P., Sprache ohne Worte, 2012, Kösel

van der Kolk, B., Verkörperter Schrecken, 2025, Probst

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