Oft leiden meine KlientInnen unter Ängsten, negativem Denken, katastrophisierenden Gedanken, sogar Gedankenspiralen, tagsüber und nachts. So etwas kann uns das Leben ganz schön schwer machen und deshalb kommen sie irgendwann zu mir. Ich höre dann oft Aussagen wie „Ich komme gar nicht mehr heraus aus diesem Gedankenstrudel!“, „Da ist die ganze Zeit diese Angst!“
Fast immer stelle ich dann eine Frage aus meinem systemischen Repertoire – die Frage nach den Ausnahmen: „Gibt es eventuell auch Momente, in denen es gut ist, ganz kleine, in denen diese Gedanken und Gefühle nicht da sind?“ Sehr oft kommt dann die Antwort: „Ja, wenn ich mich ablenke, dann sind die Gedanken nicht da!“ Die Ablenkung kann dann zum Beispiel Folgendes sein: Wenn ich im morgens im Stollenwörthweiher schwimme, wenn ich wie gestern meiner Nachbarin bei der Vorbereitung ihres Umzugs ins Seniorenheim helfe, wenn ich koche, wenn ich mit meinem Patenkind spiele, wenn ich ein Buch lese, wenn ich beim Cross-Fit bin, wenn ich im Garten arbeite…
Ich lade dann oft zu einer anderen Betrachtungsweise ein: Was ist denn eigentlich die Ablenkung? Könnte es möglich sein, dass es andersherum ist? Dass das „Gute“ nicht die Ablenkung, sondern einfach achtsames Tun, im Hier und Jetzt ist? Ohne Gedanken in die Zukunft oder an die Vergangenheit? Und dass das Denken, v.a. an die möglicherweise schlimme Zukunft oder an sämtliche falschen Entscheidungen in der Vergangenheit, die Ablenkung ist? Ich meine: Ja.
Meistens ist es in diesem Moment, im Hier und Jetzt, während Du hier sitzt und diesen Text liest, vielleicht Deine Füße am Boden spürst, Deine Beine, Deinen Rücken, Dein Gesicht… vielleicht ist es jetzt gerade gut und da sind keine Gedanken? Vielleicht möchtest Du genau diesen Moment kurz wahrnehmen, Deinen Körper von ganz unten bis ganz oben, Deinen Atem, Geräusche, Gerüche…
Vielleicht kann das ein Experiment für den heutigen Tag sein: Dich immer wieder zurückzuholen aus Deinen Gedanken, aus der Vergangenheit, aus der Zukunft, in das was da jetzt gerade ist, und wahrnehmen, wie es ist? Mit allen Sinnen?
Ich bin gespannt, wie es Dir damit geht.