Das kennt vermutlich jede*r: Kaum hat man wegen Zahnschmerzen einen Termin vereinbart, verschwinden sie auf wundersame Weise. Und dann sitzt man beim Zahnarzt und sagt etwas verlegen: „Eigentlich ist es gerade gar nicht mehr schlimm.“
Ein ähnliches Phänomen erlebe ich immer wieder in meiner Praxis. Klient:innen buchen einen Termin mit etwas Vorlauf – und wenn sie dann bei mir sitzen, sagen sie: „Hm, jetzt ist eigentlich alles gut.“
So auch kürzlich in einer Paarberatung. Das Paar hatte etwa zwei Wochen zuvor einen Termin vereinbart. Ihr Anliegen war klar: wieder mehr Verbindung trotz unterschiedlicher Meinungen, weniger destruktive Konflikte, mehr Miteinander. Und dann saßen sie mir gegenüber und sagten übereinstimmend: „In den letzten zwei Wochen lief es eigentlich genau so, wie wir es uns wünschen.“
Da werde ich hellhörig.
Denn ich gehe als Therapeutin grundsätzlich davon aus, dass meine Klient:innen die Lösung bereits in sich tragen. Meine Aufgabe ist es nicht, Antworten zu liefern – sondern die richtigen Fragen zu stellen.
Wenn es plötzlich besser läuft – warum eigentlich?
Statt erleichtert festzustellen, dass „ja gerade alles gut ist“, sind wir gemeinsam auf Spurensuche gegangen: Was genau hat in diesen zwei Wochen dazu beigetragen, dass es sich so gut angefühlt hat?
Wir haben nach dem Muster des Gelingens gesucht.
Und siehe da: Die beiden hatten – eher zufällig und beiläufig, aber konsequent – wieder mehr verbindende Aktivitäten in ihren Alltag integriert:
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Sie haben eine lange geplante Reise gebucht.
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Eine Umbauarbeit im Haus gemeinsam abgeschlossen.
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Und die Idee wieder aufgegriffen, zusammen zum Geocaching zu gehen – etwas, das ihnen früher viel Freude gemacht hat.
Es waren keine großen therapeutischen Interventionen. Es war die gemeinsame Ausrichtung, geteilte Vorfreude, erlebtes Wir.
Verbindung entsteht nicht durch Problemlösung allein
Bemerkenswert war: Die Meinungsverschiedenheiten waren nicht verschwunden, die Unterschiede auch nicht. Aber sie standen nicht mehr im Mittelpunkt. Etwas Größeres hatte wieder Raum bekommen: das Gefühl, gemeinsam unterwegs zu sein – sich an einem gemeinsamen „Stern“ auszurichten. Und genau das verändert oft die Qualität von Konflikten – nicht ihre Existenz, aber ihre Bedeutung.
Interessant war dabei nicht nur was sie getan haben, sondern auch wie es sich angefühlt hat: mehr Leichtigkeit im Körper, mehr Entspannung im Kontakt, mehr spontane Nähe. Verbindung wurde nicht „gemacht“, sondern erlebt.
Der Zahnarzteffekt ist keine Entwarnung
Der sogenannte Zahnarzteffekt* bedeutet nicht: „Dann war ja eigentlich nichts, wir haben uns nur was eingebildet.“ Er ist vielmehr ein Hinweis darauf, dass ein System bereits weiß, wie es gehen kann.
Allein die Entscheidung, sich Unterstützung zu holen, setzt oft schon etwas in Bewegung:
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Sie unterbricht alte Muster.
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Sie aktiviert Selbstwirksamkeit.
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Sie richtet den Blick wieder auf das, was wichtig ist.
Oder anders gesagt: Der Termin wirkt nicht, weil er stattfindet – sondern weil Menschen innerlich beginnen, sich anders auszurichten.
Eine Einladung zur Selbstbeobachtung
Vielleicht ist das auch für Dich eine interessante Frage:
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Wann lief es zuletzt besser als sonst – und warum?
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Was haben Sie (allein oder gemeinsam) anders gemacht?
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Welche Aktivitäten stärken Dein Gefühl von Verbindung, jenseits von Problembesprechungen?
Der Zahnarzteffekt ist kein Zeichen, dass Therapie überflüssig ist. Er ist eine Einladung, genauer hinzuschauen – und das, was bereits gelingt, bewusster zu verstehen und zu wiederholen. Denn echte Veränderung beginnt oft leise, und manchmal schon, bevor wir glauben, dass sie begonnen hat.
*Den Begriff „Zahnarzteffekt“ habe ich erfunden. Hier handelt es sich nicht um ein offizielles psychologisches Konzept.
** Der Begriff „Muster des Gelingens“ stammt aus der Hypnosystemik und wurde von Gunther Schmidt geprägt. Siehe dazu auch https://gunther-schmidt.net/tag/muster-des-gelingens/.
