Zwischen Enttabuisierung und vorschneller Selbstdiagnose
Es ist eine gute und wichtige Entwicklung, dass heute offener über psychische Belastungen gesprochen wird. Depressionen, Ängste, Erschöpfung, Burnout – all das darf benannt werden, ohne sofort stigmatisiert zu sein. Finde ich richtig gut!
Gleichzeitig erlebe ich in meiner Praxis inzwischen sehr häufig Folgendes: Viele Menschen melden sich mit dem Satz: „Ich glaube, ich habe ein Trauma.“ Oft folgt: „Ich habe gerade ein Buch darüber gelesen. Und jetzt höre ich lauter Podcasts zum Thema.“
Dass Trauma im Mainstream angekommen ist, ist grundsätzlich positiv. Aber: Nicht alles ist Trauma und noch weniger ist es eine posttraumatische Belastungsstörung.
Trauma ist kein Gefühl, sondern ein klar definierter Begriff
Es gibt klare psychiatrische und diagnostische Richtlinien, nach denen Therapeut:innen Diagnosen stellen – in Deutschland orientieren wir uns dabei offiziell an der ICD-10 bzw. ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation. Aus psychiatrischer Sicht liegt ein Trauma vor, wenn eine Person einem außergewöhnlich bedrohlichen oder katastrophalen Ereignis ausgesetzt war, das mit
- tatsächlichem oder drohendem Tod
- schwerer Verletzung
- sexueller Gewalt
verbunden war und das Nervensystem überwältigt hat.
Entscheidend ist nicht nur das Ereignis, sondern das anhaltende Symptombild, z. B.:
- ungewolltes Wiedererleben (Flashbacks, Albträume)
- Vermeidung von Erinnerungen oder Auslösern
- anhaltende Übererregung (Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen)
Diese Kritierien beschreiben die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).
Komplexte PTBS: selten – und oft missverstanden
Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung ist eine relativ neue Diagnose (seit ICD-11). Sie entsteht durch wiederholte oder langanhaltende Traumatisierungen, meist:
- in frühen Lebensphasen
- in Abhängigkeits- oder Auslieferungssituationen
- ohne realistische Möglichkeit zur Flucht
Zusätzlich zu den PTBS-Symptomen zeigen sich häufig:
- schwere Emotionsregulationsprobleme
- ein anhaltend negatives Selbstbild
- tiefgreifende Beziehungsstörungen
Traumatherapie: eine körperorientierte Perspektive
Ergänzend zur psychiatrischen Sicht sprechen wir in der Traumatherapie, z. B. im Ansatz von Somatic Experiencing, von Trauma, wenn:
- ein Ereignis oder eine länger andauernde Situation das Nervensystem überwältigt
- keine ausreichenden Möglichkeiten von Schutz, Flucht oder Gegenwehr bestanden
- die dabei aktivierte Überlebensenergie nicht verarbeitet werden konnte
Man unterscheidet grob zwischen:
- Schocktrauma (z. B. Unfall, Gewalt, plötzlicher Verlust)
- Komplextrauma: wiederholte, langanhaltende Belastungen – häufig in frühen Beziehungen
Wichtig:
Nicht jedes schwierige Ereignis, nicht jede belastende Kindheit, nicht jede emotionale Vernachlässigung und nicht jedes Beziehungsthema erfüllt diese Kriterien. Und: Nicht jede:r reagiert gleich auf potenziell traumatisierende Erfahrungen.
Bindungstrauma – ein Begriff mit Fallstricken
Besonders häufig höre ich derzeit den Begriff Bindungstrauma (oder Entwicklungstrauma).
Ja: Frühe Beziehungserfahrungen prägen unser Nervensystem.
Ja: Nicht jede Kindheit war sicher, feinfühlig oder stabil.
Und gleichzeitig ist eine ehrliche Frage wichtig: Wer hatte schon die ideale Kindheit?
Nicht jede Enttäuschung, nicht jedes emotionale Defizit und nicht jede Unsicherheit in Beziehungen ist automatisch ein Bindungstrauma.
Wenn wir alles rückwirkend traumatisieren, entsteht leicht der Eindruck:
- „Das liegt alles an meiner Vergangenheit.“
- „Ich bin geprägt – und kann wenig ändern.“
Das ist verständlich. Aber es ist selten hilfreich.
„Bindungstrauma“
- Ist kein psychiatrischer Diagnosebegriff
- beschreibt frühe Beziehungserfahrungen und Prägungen
- erklärt Muster, ersetzt aber keine Diagnose
Frühe Prägung ≠ Trauma im psychiatrischen Sinn
Die entscheidende Grenze: Damals vs. heute
Wir können heute nicht mehr reparieren, was damals vielleicht nicht ideal war. Aber: Wir können heute sehr viel selbst in die Hand nehmen.
Und genau hier verschiebt sich der Fokus:
- weg von endloser Ursachenforschung, Schuldzuweisungen, Opferhaltung
- hin zu Selbstwirksamkeit, Selbstregulation und Handlungsspielraum
Viele Schwierigkeiten, die heute sehr schnell als „Trauma“ bezeichnet werden, haben mit:
- chronischem Stress
- mangelnder Regulation
- fehlender innerer Stabilität
- automatisierten Beziehungsmustern
zu tun – und sind gut veränderbar, wenn der Körper mit einbezogen wird.
Warum Differenzierung stärkt
Wenn alles Trauma ist:
- fühlen sich Menschen schnell beschädigt und warten auf „Heilung“
- entsteht eine passive, eine Opferhaltung
- wird Veränderung als etwas erlebt, das von außen passieren soll
Wenn wir genauer hinschauen und im Hier und Jetzt bleiben, passiert oft das Gegenteil:
- Menschen erleben Selbstwirksamkeit
- sie lernen, ihr Nervensystem zu beeinflussen
- sie kommen wieder in Kontakt mit sich selbst
Nicht jedes Thema braucht Traumatherapie. Aber jedes Thema braucht Kontakt, Regulation und Verantwortung im Heute.
Fazit
Dass psychische Themen sichtbar geworden sind, ist ein Fortschritt. Dass Trauma ernst genommen wird, ebenso. Aber Differenzierung ist kein Rückschritt – sie ist Voraussetzung für echte Veränderung. Denn wir sind mehr als unsere Geschichte – und wir haben heute mehr Möglichkeiten, als wir oft glauben.
