Somatic Experiencing® (SE) gehört zu den körperorientierten Ansätzen, mit denen ich seit einigen Jahren in meiner Praxis arbeite. Die Grundidee dahinter: Traumatische und belastende Erfahrungen zeigen sich nicht nur in Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen. Sie können auch mit anhaltenden körperlichen Reaktionsmustern verbunden sein – etwa mit Übererregung, innerer Unruhe, Erstarrung oder dem Gefühl, auch lange nach einem belastenden Ereignis nicht wirklich zur Ruhe zu kommen.
In Somatic Experiencing® richtet sich die Aufmerksamkeit deshalb unter anderem auf Körperwahrnehmung und die Regulation des autonomen Nervensystems. Belastende Aktivierung soll nicht möglichst schnell oder intensiv bearbeitet werden, sondern schrittweise und in einem für die jeweilige Person regulierbaren Bereich. Ressourcen, Körperwahrnehmung und Selbstregulation spielen dabei eine zentrale Rolle.
In meiner therapeutischen Arbeit erlebe ich diesen Zugang als ausgesprochen hilfreich. Gleichzeitig hat mich schon länger eine andere Frage beschäftigt:
Was wissen wir eigentlich wissenschaftlich über die Wirksamkeit von Somatic Experiencing?
Genau dieser Frage bin ich in meiner Masterarbeit im Studiengang Klinische Psychologie nachgegangen. Der Titel lautet:
Somatic Experiencing bei Erwachsenen mit Posttraumatischer Belastungsstörung und traumabezogener Symptomatik – ein systematisches Literaturreview
14 Studien – und eine noch junge Forschungslandschaft
Für meine Arbeit habe ich die vorhandene quantitative Forschung zu Somatic Experiencing® bei Erwachsenen mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) oder traumabezogenen Symptomen systematisch ausgewertet.
Von zunächst 434 gefundenen Veröffentlichungen blieben nach Screening und Prüfung schließlich 14 Studien, die die Einschlusskriterien erfüllten. Darunter waren vier randomisierte kontrollierte Studien (RCTs), vier kontrollierte quasi-experimentelle Studien und sechs unkontrollierte Prä-Post-Studien. Schon daran lässt sich etwas erkennen: Es gibt inzwischen empirische Forschung zu Somatic Experiencing® – die Studienlage ist aber noch vergleichsweise klein.
Was zeigen die bisherigen Studien?
Das Gesamtbild ist zunächst einmal ermutigend. Die Mehrzahl der untersuchten Studien berichtet Verbesserungen traumabezogener Symptome. Auch bei anderen psychischen Belastungen wie Angst, Depression und Stress wurden positive Veränderungen gefunden. Einige Studien zeigten darüber hinaus Verbesserungen beispielsweise bei Resilienz, psychologischer Sicherheit, sozialer Verbundenheit oder Lebensqualität. Besonders interessant sind zwei randomisierte kontrollierte Studien, die Somatic Experiencing® bei Menschen mit diagnostizierter oder subklinischer PTBS untersuchten.
In der Studie von Brom et al. (2017) reduzierten sich die PTBS-Symptome und depressive Symptome signifikant, außerdem verbesserte sich die Lebensqualität. Nach Abschluss der Behandlung erfüllten 44 Prozent der Teilnehmenden der Interventionsgruppe die Kriterien einer PTBS-Diagnose nicht mehr. Auch Andersen et al. (2017) fanden eine signifikante Reduktion der PTBS-Symptomatik.
Das klingt zunächst ziemlich überzeugend.
Aber – und dieses Aber ist wichtig – daraus lässt sich noch nicht schließen, dass die Wirksamkeit von Somatic Experiencing bereits umfassend wissenschaftlich belegt ist.
Vielversprechende Ergebnisse – und noch offene Fragen
Die 14 Studien unterscheiden sich erheblich: hinsichtlich ihrer Teilnehmer:innen, der untersuchten Beschwerden, der Dauer und Art der SE-Intervention, der verwendeten Messinstrumente und ihrer methodischen Qualität. Teilweise waren die Stichproben sehr klein, teilweise fehlten Kontrollgruppen. Nicht alle kontrollierten Studien zeigten außerdem einen zusätzlichen Nutzen von SE gegenüber einer aktiven Vergleichsbehandlung.
Und es gibt bislang keinen direkten Vergleich von SE mit etablierten evidenzbasierten Traumatherapieverfahren wie EMDR oder traumafokussierter kognitiver Verhaltenstherapie. Eine Aussage darüber, ob SE diesen Verfahren gleichwertig, überlegen oder unterlegen ist, lässt die bisherige Forschung deshalb nicht zu.
Das Ergebnis meiner Arbeit ist deshalb differenzierter als ein einfaches „SE wirkt“ oder „SE wirkt nicht“:
Die bisherigen Forschungsergebnisse sprechen für das therapeutische Potenzial von SE bei PTBS und traumabezogenen Belastungen. Für wirklich belastbare Aussagen ist die Evidenzbasis bislang jedoch noch zu klein und zu heterogen.
Eine Frage finde ich besonders spannend
Somatic Experiencing® erklärt seine Wirkung unter anderem über Veränderungen der autonomen Regulation. Bemerkenswert ist deshalb, dass genau diese Ebene bislang nur selten objektiv untersucht wurde. Die meisten Studien arbeiten mit Fragebögen und anderen subjektiven Messinstrumenten. Physiologische Parameter wie die Herzratenvariabilität (HRV) wurden dagegen bislang nur vereinzelt erhoben.
Damit bleibt eine aus meiner Sicht ausgesprochen interessante Frage offen: Wenn Somatic Experiencing tatsächlich die Regulation des autonomen Nervensystems beeinflusst – lässt sich diese Veränderung auch physiologisch messen?
Hier sehe ich einen besonders spannenden Ansatzpunkt für zukünftige Forschung. Meine Arbeit kommt entsprechend zu dem Schluss, dass künftige Studien stärker physiologische Messgrößen einbeziehen sollten, um die postulierten Wirkmechanismen von SE empirisch zu überprüfen.
Was nehme ich daraus für meine Arbeit mit?
Für mich bestätigt das Review vor allem eine Haltung, die mir auch in meiner therapeutischen Arbeit wichtig ist: Offenheit und kritische Prüfung gehören zusammen. Ich kann einen therapeutischen Ansatz in der Praxis als hilfreich erleben und gleichzeitig fragen, wie gut seine Wirkung wissenschaftlich belegt ist. Das eine muss das andere nicht ausschließen. Bei Somatic Experiencing gibt es inzwischen interessante und überwiegend positive Forschungsergebnisse. Gleichzeitig gibt es noch viele offene Fragen und einen deutlichen Bedarf an größeren, methodisch hochwertigen Studien. Und vielleicht ist genau das für mich eines der spannendsten Ergebnisse meiner Masterarbeit: Wir wissen heute deutlich mehr über Somatic Experiencing® als noch vor einigen Jahren. Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend – und zugleich gibt es noch viel zu erforschen.
Meine Masterarbeit
Meine Arbeit wurde bei Somatic Experiencing Deutschland e. V. veröffentlicht. Sie kann dort auch vollständig heruntergeladen werden.
Somatic Experiencing bei Erwachsenen mit Posttraumatischer Belastungsstörung und traumabezogener Symptomatik – ein systematisches Literaturreview
MSc Klinische Psychologie, 2026
