Vor einiger Zeit war eine 75-jährige Therapeutin bei mir in der Praxis. Im Laufe unserer Gespräche erzählte sie, dass sie seit fast 50 Jahren verheiratet sei.Irgendwann fragte ich sie: „Was ist Ihr Geheimnis für eine so lange und offenbar glückliche Ehe?“ Sie musste nicht lange überlegen. „Mein Scheiß ist mein Scheiß. Dein Scheiß ist Dein Scheiß.“ Ich musste lachen. Mit einer so klaren, fast derben Antwort hatte ich nicht gerechnet.
Gleichzeitig ließ mich dieser Satz nicht mehr los. Je länger ich darüber nachdachte – und je mehr Paare und auch Einzelpersonen ich in meiner Praxis begleitete –, desto mehr verstand ich, wie viel Weisheit in diesen wenigen Worten steckt. Immer wieder erlebe ich Menschen, die sich für die Gefühle ihres Partners verantwortlich fühlen. Oder die überzeugt sind, der andere müsse sich endlich ändern, damit die Beziehung funktionieren kann. Genau dann denke ich oft an diesen Satz zurück.
Wie kann ich diese Haltung im Alltag leben?
Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Wenn wir verletzt, enttäuscht oder wütend sind, richten wir den Blick fast automatisch auf den anderen. Doch genau dann lohnt es sich, kurz innezuhalten und sich selbst ein paar Fragen zu stellen.
1. Zuerst bei mir selbst anfangen
Bevor ich meinem Partner die Verantwortung für meine Gefühle gebe, kann ich mich fragen:
- Was genau fühle ich gerade?
- Was macht sein Verhalten mit mir?
- Welche meiner Bedürfnisse sind berührt?
Der andere hat vielleicht etwas in mir ausgelöst. Das bedeutet aber überhaupt nicht, dass er die Ursache meiner Reaktion ist, und schon gar nicht meine Gefühle „macht“.
2. Meine alten Verletzungen von der aktuellen Situation unterscheiden
Manchmal reagieren wir auf unseren Partner viel heftiger, als die Situation eigentlich erwarten ließe. Dann lohnt sich die Frage:
Woran erinnert mich dieses Gefühl?
Vielleicht geht es gar nicht nur um den nicht beantworteten Anruf oder die vergessene Verabredung. Vielleicht meldet sich eine alte Erfahrung von Zurückweisung, Nicht-genug-Sein oder Verlassenwerden.
Unser Partner drückt oft auf einen wunden Punkt, auch Trigger genannt. Geschaffen hat er ihn meist nicht und verantwortlich ist er dafür auch nicht.
3. Wünsche äußern statt Forderungen stellen
Eigenverantwortung bedeutet nicht, alles mit sich selbst auszumachen. Ich darf meinem Partner sagen, was ich mir wünsche. Der Unterschied liegt in der Haltung:
Nicht:
„Du musst Dich ändern, damit es mir gut geht.“
Sondern:
„Ich wünsche mir mehr Verlässlichkeit. Kannst Du Dir vorstellen, mir dabei entgegenzukommen?“
Ein Wunsch lässt dem anderen die Freiheit, Ja oder Nein zu sagen. Genau darin entsteht Begegnung auf Augenhöhe.
4. Mitgefühl zeigen, ohne die Verantwortung zu übernehmen
Es tut gut, wenn unser Partner unsere Gefühle ernst nimmt. Aber er kann sie uns nicht abnehmen.
Ich kann zuhören, trösten, Verständnis zeigen und da sein, ohne die Aufgabe zu übernehmen, den anderen glücklich zu machen. Das entlastet beide Seiten.
5. Den Partner nicht verändern wollen
Vielleicht ist das der schwierigste Punkt. Viele Konflikte entstehen, weil wir innerlich davon überzeugt sind: „Wenn Du endlich anders wärst, könnten wir glücklich sein.“
Manchmal verändert sich ein Mensch. Manchmal auch nicht. Die entscheidende Frage lautet deshalb:
Kann ich den anderen so sehen, wie er heute ist – und gleichzeitig Verantwortung dafür übernehmen, welche Konsequenzen das für mich hat?
Diese Haltung bedeutet nicht Resignation. Sie bedeutet Klarheit.
Für mich steckt genau darin die Weisheit des Satzes:
„Mein Scheiß ist mein Scheiß. Dein Scheiß ist Dein Scheiß.“
Nicht als Aufforderung, sich voneinander zu distanzieren oder zu resignieren. Sondern als Einladung, Verantwortung für das eigene Innenleben, die eigenen Gefühle und die eigenen Handlungen zu übernehmen. Denn paradoxerweise entsteht oft genau dann mehr Nähe, wenn wir aufhören, den anderen für unsere alten Verletzungen verantwortlich zu machen.
Heute denke ich oft an die Begegnung mit der Therapeutin zurück.
Denn ich glaube, ihr Satz beschreibt keine perfekte Beziehung. Er beschreibt etwas viel Wertvolleres: Zwei Menschen, die Verantwortung für ihr eigenes Innenleben übernehmen – und sich gerade deshalb mit Liebe, Respekt und auf Augenhöhe begegnen können.
